Kirchen und ihr Fenster

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Kirchenfenster

Der fränkische Historiker und spätere Bischof Gregor von Tours ist der erste, der Kirchenfenster aus farbigem Glas erwähnt. Seit 674 sind in englischen Kirchen nachgewiesenermaßen erste Glasfenster eingebaut. Im Dom von Augsburg sollen die ältesten, noch vollständig erhaltenen Kirchenfenster zu finden sein. Diese stammen aus dem 11. Jahrhundert, einer Zeit, in der eine Blütezeit des Kirchenbaus war, die bis zum 14. Jahrhundert anhielt: Jede Stadt wollte ihre Kirche haben, eine Kirche, die schöner und größer sein sollte, als die der anderen Städte.

Auch Kathedralen dienten als Statussymbole der Macht. Die Kirchenfenster bildeten ein ikonografisches Medium und vermittelten dem Betrachter ein echtes Erlebnis, vergleichbar mit dem Kino der modernen Zeit. Die riesigen bunten Fenster waren intensiv gefärbt. Das Sonnenlicht verstärkte diesen Effekt noch einmal zusätzlich. Sämtliche Fenster erzählten Geschichten, in der Regel aus der Bibel. Doch diese wurden nicht einfach illustriert, sondern mit den damals gültigen Normen und Werten vermischt. Manche Abbildungen wurden an die damals herrschende Zeit und Mode angepasst, konnten doch viele Menschen dieser Zeit weder lesen noch schreiben. Auf den Kirchenfenstern fanden sie die von der Kirche vermittelten Inhalte, Gleichnisse und Heiligenlegenden, nach denen sie ihr eigenes Leben ausrichten konnten.

Das Licht kam direkt von Gott

In den gotischen Kirchen und Kathedralen lösten die Baumeister die schweren Wände der romanischen Zeit auf, schufen glühende Wände aus bunten Farben, in denen das Licht sämtliche Szenen, Symbole und Gestalten der Heilsgeschichte sichtbar macht. An die Stelle der Himmelsburg, die von einer fest geschlossenen Mauer umrahmt war, trat die Vision der himmlischen Stadt, die scheinbar schwerelos zwischen Pfeilern und Bögen durch die vom Maßwerk gegliederten Fenster schien. Die Kirchenfenster wurden aus Glas gearbeitet, das zum großen Teil in der Masse gefärbt war. Scheint das Licht der Sonne, dringen die Strahlen durch das Glas und lassen diese wie von innen heraus leuchten. Die Architektur übertrug die Schöpfung Gottes in ihre Konstruktionen, die geometrischen Formen und Strukturen auf der Basis von Gewicht, Zahl und Maß wurden dahingehend entworfen.

Das Licht dagegen kommt direkt von Gott, glaubten die Menschen, die damals weder den Wellen-, noch den Teilchencharakter des Lichtes kannten. Wandert die Sonne rund um den Bau, entfalten und verkünden die Bilder in den Kirchenfenstern nach und nach ihre Botschaft. Die Theologie von Augustinus diente dabei als Grundlage für die Geometrie und Konstruktion, die des Dionysius Areopagita als Grundlage für das Verständnis des Lichtes: Er sah das Licht als das Strahlen Gottes an, als seine Schöpfung. Und so wenig wie sich die Kraft der Sonne mindert, während sie scheint, so wenig verringert sich Gottes Fülle durch die Schöpfung.

Kirchenfenster erzählen Geschichten

Bis heute erzählen die Kirchenfenster in ihren Bildern und Symbolen komplexe Geschichten. In manchen von ihnen sind sogar neben den Heiligen auch die Stifter und Künstler verewigt, von denen andernfalls niemand mehr künden würde. Wer eine Kirche betritt, spürt den Hauch der Ewigkeit. Sie sind Inseln im Strom unserer hektischen Zeit, sie umfangen mit ihrer Ruhe und bieten eine Oase der Besinnung.

Daran hat auch die besondere Aura der Kirchenfenster ihren Anteil. Kirchenfenster dienen nicht zum Hinausschauen in die Welt, Kirchenfenster zeichnen bunte Muster auf die dunklen Wände und lassen das Kirchenschiff und den Altarraum leuchten. In ihnen sind bis heute die Geschichten zu lesen, welche von den Erbauern so kunstvoll aus Bleiglas gefertigt wurden. Auch auf heutige Menschen machen diese farbigen Bilder mit ihren leuchtenden Botschaften einen wunderbaren Eindruck. Sie ermöglichen es, die Geschichten der Bibel und Heiligen mit eigenen Augen zu sehen, bewegt und beseelt vom ständig wandernden Licht.